top of page

Der Einstieg ins Freediving: Zwischen Ruhe und Dunkelheit im Zürichsee

3. Sept.
7 Min. Lesezeit

Manchmal beginnen neue Kapitel nicht mit einem grossen Plan. Sondern mit einzelnen Menschen, die immer wieder dieselbe Frage stellen.


In den letzten Monaten bekam ich immer häufiger Anfragen nach Freediving-Kursen in Zürich. Eine Anfrage kam von einem Ehemann, der seiner Frau einen Kurs schenken wollte. Jemand aus meinem Fitnessstudio meinte: „Sag mir unbedingt Bescheid, wenn du einen Kurs anbietest.“ Freunde und Bekannte hatten über die Jahre immer wieder Interesse gezeigt an der Aktivität die ich so leidenschaftlich verfolge.


Und plötzlich waren da drei Menschen, die tatsächlich starten wollten.


Also schrieb ich meinen ersten eigenen Molchanovs Wave 1 Kurs aus.


Was danach passierte, hat mich selbst überrascht: Jemand brachte noch jemanden mit. Teilnehmer erzählten anderen von den Kursen. Menschen aus der Tauch-Community empfahlen mich weiter.


Aus einer kleinen ersten Gruppe entstand innerhalb kurzer Zeit eine wunderschöne Dynamik.


Und plötzlich unterrichtete ich nicht mehr nur einen einzelnen Kurs. Es entstand eine kleine Freediving-Community – und mit der Unterstützung meines Partners, der selbst Freitaucher sowie langjähriger Schwimm- und Mentalcoach ist, durfte ich in diesem Sommer insgesamt vier ausgebuchte Kurse unterrichten.




Beginner Kurs "Wave 1": Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg


Ich unterrichte nach dem Molchanovs-System, einem international anerkannten Ausbildungssystem für Freediving. Ich habe meine Instruktor Ausbildung im Jahr 2020 abgeschlossen. Das Einsteigerlevel nennt sich Wave 1.



Daneben gibt es weitere bekannte Ausbildungsorganisationen wie AIDA, SSI oder PADI, die jeweils etwas unterschiedliche Strukturen und Schwerpunkte haben.


Am Ende ist aber weniger entscheidend, welches Logo auf dem Zertifikat steht. Viel wichtiger ist, eine gute Lehrperson zu finden, bei der man sich sicher und wohl fühlt und die individuell auf die eigenen Bedürfnisse eingeht.


Im Wave 1 Kurs geht es darum, die grundlegenden Fähigkeiten zu entwickeln: entspannt die Luft anzuhalten, sich sicher unter Wasser zu bewegen, Druckausgleich zu verstehen und erste tiefere Tauchgänge zu machen. Im Open Water bewegen wir uns für die Zertifizierung im Bereich von etwa 12 bis 20 Metern.


Was mich bei meiner ersten Gruppe besonders fasziniert hat, waren die Unterschiede zwischen den Menschen.


Manche verstehen den Druckausgleich scheinbar sofort. Der Körper macht einfach mit. Andere brauchen mehr Zeit, mehr Übungen und manchmal mehrere unterschiedliche Erklärungen, bis sie die einzelnen Muskeln und Bewegungen wirklich spüren und kontrollieren können.


Und genau darin liegt für mich eine der schönsten Seiten des Unterrichtens:


Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg unter Wasser.


Freediving macht diese Unterschiede sehr sichtbar. Deshalb versuche ich meinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern von Anfang an etwas mitzugeben, das weit über das Tauchen hinausgeht: Hört auf, euren Fortschritt mit der Person neben euch zu vergleichen.


Nur weil ihr am gleichen Tag mit dem gleichen Kurs begonnen habt, bedeutet das nicht, dass eure Körper zur gleichen Zeit die gleichen Dinge lernen müssen. Die Lebenswege die meine Kursteilnehmerinnen zu mir geführt haben sind sehr unterschiedlich.


Natürlich ist es unglaublich schön, gemeinsam Fortschritte zu machen. Man verbringt viele intensive Stunden miteinander, beobachtet gegenseitig die kleinen und grossen Erfolge, lernt voneinander – und irgendwann entsteht dieses besondere Gefühl von Verbundenheit.


Einige meiner Wave-1-Teilnehmer wollten danach direkt wissen:


Was kommt als Nächstes?


Die Antwort ist Wave 2.


Wave 2 im Zürichsee: 30 Meter sind hier etwas anderes

Wave 2 ist im Zürichsee bereits ein ziemlich anspruchsvolles Level. Für die Tiefendisziplinen bewegen wir uns in Richtung 25 bis 30 Meter. Und wer den Zürichsee kennt, weiß: 30 Meter hier fühlen sich anders an als 30 Meter in einem warmen, kristallklaren Meer.


Ab ungefähr 20 Metern verschwindet das Licht. Es wird dunkel. Und kalt.


Als ich selbst mit Freediving im Zürichsee angefangen habe 2018, waren Tiefen, die heute Teil einer Wave-2-Ausbildung sind, keineswegs selbstverständlich. Umso schöner ist es für mich heute, Menschen auf genau diesem Weg begleiten zu dürfen.


Und noch schöner ist, dass meine Teilnehmer nach ihren ersten Erfahrungen im Zürichsee nicht sagen:


„Okay, das reicht mir.“ Sondern:


„Da ist noch mehr.“


Genau diese Neugier liebe ich. Gemeinsam herauszufinden, welches Potenzial in einem Menschen steckt. Zu erleben, wie jemand etwas schafft, von dem er oder sie vorher überzeugt war, es nicht zu können.


Viele Menschen glauben, tiefes Freediving sei etwas für eine ganz bestimmte Sorte Mensch. Für besonders mutige, besonders sportliche oder irgendwie aussergewöhnliche Menschen.


Und dann entdecken sie plötzlich:

Diese Fähigkeiten stecken auch in mir.


Dieser Moment – dieses Augenöffnen, das Lächeln nach dem Auftauchen, diese Mischung aus Überraschung und Begeisterung – ist für mich schwer zu beschreiben.


Es ist einer der Gründe, warum ich gerne Menschen im Wasser begleite, es geht hier um weit mehr als ein Zertifikat.


Warum meine Freediving-Kurse in Zürich etwas anders aufgebaut sind


Ich habe relativ schnell gemerkt, dass sich das klassische Kursmodell aus vielen Freediving-Destinationen nicht einfach auf die Schweiz übertragen lässt.


Im Urlaub funktioniert ein Kurs über drei oder vier Tage am Stück wunderbar. Man hat frei, ist gedanklich bereits aus dem Alltag heraus und taucht vielleicht noch dazu in warmem Wasser.


In Zürich sieht die Realität anders aus.


Die Menschen arbeiten. Ihre Wochenenden sind oft Wochen im Voraus verplant. Eine Person könnte sich am Freitag freinehmen, die nächste nicht. Dann funktioniert Samstag bei jemandem nicht und Sonntag bei jemand anderem.


Und irgendwo dazwischen müssen Pool, Theorie und Open-Water-Sessions zusammenpassen.


Deshalb habe ich meine Kurse bewusst flexibler aufgebaut.


Meine Teilnehmer bekommen zwei längere Wassereinheiten von jeweils etwa drei Stunden für das Tieftauchen. Es gibt immer auch Alternativen und Ausweichtermine, die Gruppen sind klein.


Zusätzlich gibt es einen intensiven Pooltag, an dem wir uns ausführlich den Pooldisziplinen, Techniken und Requirements widmen. Die Theorie findet online statt und kann flexibel besucht werden; wenn jemand verhindert ist, gibt es eine Aufzeichnung.


Und mir ist noch etwas wichtig:

Der Kurs endet für mich nicht automatisch, nur weil die geplanten sechs Stunden im See vorbei sind.


Wenn jemand mehr Wasserzeit benötigt, um einen Skill wirklich zu verstehen oder die Voraussetzungen sicher zu erfüllen, versuche ich zusätzliche Möglichkeiten zum Üben zu schaffen.


Dieses Konzept hat sich diesen Sommer unglaublich bewährt. Denn dadurch verschwindet ein Teil des Drucks. Es geht nicht darum, innerhalb von zwei Sessions irgendwelche Zahlen abzuhaken. Ich möchte nicht, dass jemand am Ende mit einem Zertifikat nach Hause geht, aber eigentlich noch gar nicht weiss, was er oder sie da gerade gelernt hat.


Ich möchte, dass meine Teilnehmer verstehen, was sie tun – und warum.


Freediving kennt kein perfektes Alter

Eine weitere schöne Erfahrung meiner ersten Kurse war die enorme Altersspanne. Es waren Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebensphasen dabei. Und gerade beim Freediving wird schnell sichtbar, dass jünger keineswegs automatisch besser bedeutet.


Manchmal sogar ganz im Gegenteil.


Mit Lebenserfahrung kommt häufig auch mehr Ruhe. Menschen kennen ihren Körper besser, gehen weniger hektisch an Aufgaben heran und können sich leichter darauf einlassen, nicht alles erzwingen zu wollen.


Beim Freediving kann genau das eine enorme Stärke sein.


Denn Tiefe entsteht nicht nur durch Kraft.


Sehr oft entsteht sie durch das Gegenteil:

durch Loslassen.


Wenn Scuba Diver plötzlich wieder Anfänger sind

Besonders viel Spass macht es mir auch, wenn erfahrene Gerätetaucher in meinen Kurs kommen. Sie kennen das Wasser. Sie kennen Tiefe. Sie kennen Druckausgleich. Sie bewegen sich selbstbewusst unter Wasser.


Und dann kommt Freediving.


Plötzlich gibt es keinen Atemregler. Keine Luftversorgung. Keine Tarierweste. Der eigene Körper wird zum zentralen Instrument.


Und manchmal kommt dann dieser wunderbare Moment, in dem jemand merkt:

Oh. Ich kann hier doch noch ziemlich viel lernen.


Ich finde das grossartig. Nicht, weil ich jemanden „auf den Boden zurückholen“ möchte, sondern weil es etwas Besonderes ist, als erwachsener Mensch wieder Anfänger sein zu dürfen.


Etwas komplett Neues zu lernen. Unsicher zu sein. Fortschritte zu machen. Und wieder eine echte Challenge zu haben.


Der Druck unter Wasser – und der Druck im Kopf

Vielleicht eines der spannendsten Dinge beim Unterrichten ist für mich zu beobachten, was mit Menschen passiert, sobald sie eine Aufgabe „schaffen müssen“.


Und damit meine ich nicht den Wasserdruck. Ich meine den inneren Druck.


Ich muss heute diese Tiefe erreichen.

Die andere Person schafft es doch auch.

Letzte Woche konnte ich das noch.

Warum funktioniert es heute nicht?


Freediving ist erstaunlich ehrlich.


Stress, Müdigkeit und Dinge, die uns im Alltag beschäftigen, verschwinden nicht automatisch, nur weil wir einen Neoprenanzug anziehen und ins Wasser springen.


Manchmal funktioniert ein Tauchgang eine Woche lang wunderbar – und beim nächsten Training plötzlich überhaupt nicht. Ich kenne das aus meiner eigenen sportlichen Karriere sehr gut.


Und genau deshalb spreche ich mit meinen Teilnehmern auch über Nervensystem, mentale Belastung und verfügbare Kapazität.


Wenn du eine extrem anstrengende Arbeitswoche hattest, wenig geschlafen hast oder gerade Themen in deinem Leben trägst, die viel Energie benötigen, können wir nicht von unserem Körper verlangen, dass er auf Kommando innerhalb von einer Sekunde vollkommen loslässt.


Manchmal ist heute eben nicht der Tag für 30 Meter.


Und das ist okay.

Interessanter ist die Frage:

Was brauche ich heute?


Spüren lernen

Das ist vielleicht der Teil meiner Kurse, der mir inzwischen besonders wichtig geworden ist. Vor jeder Wassersession machen wir ein Warm-up. Dazu gehören körperliche Bewegungen und Mobilisation – aber auch ein mentales und respiratorisches Ankommen.


Wie fühlt sich mein Körper gerade an?

Wie atme ich?

Bin ich angespannt?

Bin ich ruhig?

Wo halte ich fest?


Dieses Jahr habe ich ausserdem eine Ausbildung bei Martin McPhilimey gemacht, in der ich mich intensiv mit Atmung und Nervensystemregulation beschäftige. Vieles davon fliesst inzwischen ganz selbstverständlich in meine Arbeit im Freediving ein.


Denn manchmal sind es erstaunlich einfache Werkzeuge, die uns helfen können, aus einem hochaktivierten Zustand wieder etwas mehr in Regulation und Ruhe zu kommen.


Gerade unmittelbar vor dem Tauchen kann das unglaublich wertvoll sein.


Und diese Dinge gehen für mich weit über die Requirements von Wave 1 oder Wave 2 hinaus.

Denn am Ende möchte ich den Menschen, die mit mir ins Wasser kommen, nicht nur beibringen, wie sie 20 oder 30 Meter tief tauchen.


Ich möchte ihnen etwas mitgeben, das sie vielleicht auch ausserhalb des Wassers gebrauchen können: ein bisschen mehr Körpergefühl. Ein bisschen mehr Vertrauen. Und vielleicht auch ein bisschen mehr Gelassenheit.


Und das war erst der Anfang

Wenn ich auf meine ersten selbstständig organisierten Wave-1- und Wave-2-Kurse im Zürichsee bei Herrliberg zurückblicke, bin ich vor allem dankbar für die Menschen, die sich darauf eingelassen haben.


Für diejenigen, die jemanden mitgebracht haben.

Für diejenigen, die mich weiterempfohlen haben.

Für die Scuba Diver, die plötzlich wieder Anfänger wurden.


Für die Menschen, die ihren ersten Druckausgleich gefeiert haben. Und für diejenigen, die irgendwann an der Boje hingen, nach unten in die Dunkelheit des Zürichsees geschaut haben und trotzdem wissen wollten:


Wie tief kann ich eigentlich noch gehen?

Genau diese Frage möchte ich gemeinsam mit euch erkunden.


Nicht möglichst schnell.

Nicht im Vergleich mit jemand anderem.

Sondern Schritt für Schritt, mit Sicherheit, Neugier und Respekt vor dem eigenen Körper.



Vielleicht ist jetzt dein Moment,

abzutauchen.


Mein nächster Molchanovs Wave 1 Kurs

in Zürich startet im Oktober.



Wenn du neugierig geworden bist und selbst erleben möchtest,



was Freediving mit dir macht,

findest du mit dem Buttom: alle Informationen

zu Terminen, Ablauf und Anmeldung.




 
 
 

Kommentare


Anna-Karina Schmitt

Athlete | Mentoring | Yoga | Freediving

bottom of page